Politische Situation
Liebe Freunde und Förderer,
Gerald Lelain hat mich heute Mittag aus Nairobi angerufen. Weil in der vergangenen Woche wegen der anhaltenden Demonstrationen in der kenianischen Hauptstadt zu viel Arbeit liegengeblieben war, hatte seine Firma die gesamte Belegschaft zu einer Samstagsschicht einbestellt. Bis 14 Uhr wollte der Elektriker seine Arbeit erledigt haben, um halbwegs pünktlich und sicher wieder zu Hause zu sein, bevor die nächste, für den Nachmittag angekündigte Demo Nairobi lahmlegen würde.
Ähnlich gestaltet sich derzeit der Alltag vieler Kenianer. Den Auftakt der Protestwelle bildete eine Demonstration von zigtausend jungen Leuten vor gut einem Monat im Regierungsviertel von Nairobi, bei der einige Protestler das Parlament gestürmt und Teile des Gebäudes in Brand gesetzt, Polizei und Militärs mit Tränengas und scharfer Munition geschossen hatten, und vermutlich ein Dutzend Jugendlicher getötet wurden.
Seitdem vergeht kaum ein Tag ohne Demonstrationen und Gewalt in allen Teilen des Landes.
Seitdem fragen Freunde und Unterstützer von Apamoyo immer wieder: Was ist da los in Kenia, was machen unsere Stipendiaten und Absolventen und wie geht es in unseren Projekten? Gleichzeitig habe ich mit mehreren Jugendlichen Kontakt gehabt und vorgestern in unserer monatlichen Video-Konferenz mit unserem kenianischen Projektmanager John Kamande ausführlich über die Lage gesprochen.
Deshalb will ich versuchen ein bisschen Klarheit in die komplizierten Verhältnisse zu bringen. Das Wichtigste zuerst: Es geht allen von uns geförderten Jugendlichen, den Ausbildern, Lehrern und Projektpartnern gut. Die Wege zwischen Wohnung, Arbeit und Berufsschule sind wegen Straßensperren und Polizeikontrollen mühsam, aber die Ausbildung läuft.
Präsident William Ruto, der die jugendlichen Demonstranten vor einem Monat als Verbrecher bezeichnete und ihnen schärfste Konsequenzen angedrohte, hat inzwischen die umstrittenen Steuergesetze kassiert, fast die komplette Regierung ausgetauscht und kündigt einen strikten Sparkurs an. Doch die jungen Kenianer wollen weiter protestieren, bis der Präsident zurücktritt.
Erst vor knapp zwei Jahren hatte Ruto überraschend die Wahlen gewonnen, nachdem er mit aufgekrempelten Hemdsärmeln und Schubkarre als „Vertreter der kleinen Leute“ angetreten war. Die, die ihm damals zujubelten, finden das heute nicht witzig, wenn der Staatschef ihnen mit einer 60.000 Dollar teuren Rolex am Handgelenk zuwinkt. Denn sie können sich jetzt schon kaum noch ihr tägliches Brot, Fahrtkosten oder die Miete bezahlen, weil ihnen immer mehr Steuern von Lohn abgezogen werden und die Preise massiv steigen.
Die Ursachen der Wut sind nicht neu: schamlose Korruption und Vetternwirtschaft, gleichzeitig eine milliardenschwere Verschuldung, vor allem in China, das in den letzten Jahren in Kenia gigantische Infrastrukturprojekte aus dem Boden gestampft hat. Während die Gläubiger ungeduldig werden, berichten kenianische Medien einmal mehr, wie politische Eliten und Günstlinge des Präsidenten sich am Staatshaushalt vergreifen und Steuergelder in privaten Taschen verschwinden.
Nun scheint es aber so, als brächte die kenianische „Generation Z“ eine andere Qualität in die politische Auseinandersetzung. Nach meiner Erfahrung sind die Mechanismen aber nicht wirklich neu, wie die kenianische Gesellschaft mit solchen Konflikten umgeht: sowohl die Menschen als auch die Staatsmacht neigen zu Pathos, Hysterie und Aggression, bis niemand mehr wirklich weiß, wer Täter und wer Opfer ist. Wenn jetzt die kenianische Jugend um ihre Zukunft kämpft, dann heißt das leider auch, dass Demonstranten Geschäfte plündern und gleichzeitig Strippenzieher eingeschleust werden, um die Gewalt zu provozieren.
Alle Apamoyo-Jugendlichen leiden unter den wirtschaftlichen Verhältnissen und der Korruption in Kenia, alle sympathisieren mit der Protestbewegung, aber niemand hat mir bisher bestätigt, selbst an den Demonstrationen teilzunehmen. Jacob Mbugua zum Beispiel rief mich letzte Woche vom Handy eines Kollegen aus an, sein eigenes hatte ihm ein Demonstrant gestohlen als Jacob an einer Straßensperre warten musste.
Manche dieser Erfahrungen, die ich hier beschreibe, beschäftigen mich seitdem ich vor 40 Jahren zum ersten Mal in Kenia war. Und manchmal bin ich enttäuscht und ratlos. Aber jeder Rückschlag und jede Krise - davon bin ich überzeugt - machen Land und Leute stärker. Mein Optimismus wird getragen von der jungen Generation Kenias, nicht zuletzt von den Mädchen und Jungen, denen wir mit Ihrer und Eurer Unterstützung eine Berufsausbildung und eine Perspektive für ein eigenverantwortliches Leben ermöglichen.
Herzliche Grüße
Wim Dohrenbusch
Apamoyo e.V.